Lebenslauf

Mein Lebenslauf in Buchform

Teil 1: Die frühen Jahre

Ich wurde am 11. August 1987 im furchtbar heruntergekommenen Neunkirchen als Sprössling zweier Waisen und Heimkinder geboren. Meine Eltern schmissen vor lauter Freude über den ungeplanten Zuwachs kurzerhand beide ihr Studium. Mein Vater wendete sich schweren Herzens von seiner geliebten Betriebswirtschaft ab und verbrachte sechs Tage die Woche im Blaumann auf Montag, damit wir zu Hause in den Genuss von elektrischem Strom und fließend Wasser kamen – was leider nicht immer der Fall war. Meine Mutter hatte das Glück, nach Abbruch ihres Studiums der Sozialpädagogik ihre Ausbildung in einem katholischen Krankenhaus zu absolvieren. Ungeachtet der Tatsache, dass mir die Taufe erspart blieb und ich somit Heide bin, kümmerten sich die Ordensschwestern des Krankenhauses fürsorglich um mich während der morgendlichen Vorlesungen. Muss komisch gewesen sein für meine Mutter, sich auf den Professor vor der Tafel zu konzentrieren, während mir die ersten Key Learnings in Sachen Jesus zuteil wurden. Und weil man vom sozialen Prekariat, zu dem wir nunmal gehörten, ohnehin nichts Anderes erwartet, als eine klischeedurchtränkte Kombination aus Gerichtsvollziehern, Polizei und Jugendämtern, durchzogen diese und andere eher unangenehmer Ereignisse im Grunde meine gesamte Kindheit und Jugend. Noch heute erinnere ich mich lebhaft an die Kuckucksaufkleber, die uns der Gerichtsvollzieher an jeden Gegenstand in der Wohnung klebte, den mein Vater nicht rechtzeitig verstecken konnte. Als Kind fand ich die Pfändungsaufkleber wegen dem Kuckuck natürlich spitze. Bis zu jenem Tag, an dem uns Vater Staat tatsächlich Computer und alles Dazugehörige wegnahm, weil meine Eltern Mal wieder zwischen Essen und Strom zu entscheiden hatten. Man muss sich vor Augen halten, dass bspw. Azubis zu der Zeit die Ausbildungskosten noch selbst zu finanzieren hatten. Dass meine Eltern selbst ohne irgendeinen sozialen oder finanziellen Rückhalt auf der Straße aufgewachsen sind und es trotz zahlloser überaus hässlicher Schicksalsschläge immerhin beide auf die Universität geschafft haben, brachte mir als Heranwachsender, der nach Anerkennung und Zugehörigkeit Ausschau hielt, um trotz der „speziellen“ Umstände meiner Sozialisation sozialen Anschluss zu finden, leider nur bedingt Respekt bei meinen Altersgenossen.

CHKDSK, DIR und ECHO

Egal welche Schulform: Ich blieb durchweg Rekordhalter im Verweise sammeln…

Der einzige nachhaltige Einfluss, den mein leiblicher Vater im Nachhinein auf mich hatte, ist unserer gemeinsamen Zeit vorm heimischen Rechner geschuldet. Im Grunde war die Faszination für Computer und digitale Medien schon immer unser gemeinsamer Nenner und weil mich bereits im zarten Alter von fünf Jahren nichts wirklich fesseln konnte, außer Asteroids und Pacman mit meinem Vater um den Highscore zu zocken, beherrschte ich bestimmt ein Dutzend der elementarsten Eingabebefehlen in MS DOS. Der größte Stolz meines Vaters bestand darin, seinen Freunden vorzuführen, wie sein fünfjähriger Knirps eigenständig und geduldig einen 3,5-Zoller nach dem anderen ins Diskettenlaufwerk schob um eines der Point and Click Adventures zu installieren, mit denen wir viele gemeinsame Abende zusammen vorm Computer saßen bis tief in die Nacht. Während mein Vater im ölverschmutzten Blaumann selten erfüllt und glücklich aussah, änderte sich seine gesamte Aura unmittelbar, wenn er mit Lesebrille und einer Kanne schwarzem Kaffee vor seinem Computer saß und so tief in Quellcode versank, dass er über Stunden kaum noch ansprechbar war.

Und weil er sich neben Programmiersprachen ebenso exzessiv für Elektrotechnik interessierte, war die Casa Port für die umgebende Nachbarschaft nicht nur erste Anlaufstelle für Motorreparaturen und Ölwechsel, sondern zunehmend auch für alle Problemchen, die auch nur entfernt mit Computern und zugehöriger Peripherie in Verbindung standen. Bürgerliche Leute, die sich von den Erben ihrer Eltern und Großeltern schöne Häuser und Autos kauften und viermal im Jahr auf anderen Kontinenten Urlaub machten, betrachteten uns als sozialen Abschaum. Und dieselben Menschen, die hinter vorgehaltener Hand freudig erste Wetten abschlossen, wann das Jugendamt auch mich zum Heimkind machen und ob ich vor oder nach meinem Hauptschulabschluss von Drogen gezeichnet auf der Straße enden würde, riefen plötzlich bei uns zu Hause an, wenn sie Mal wieder achselzuckend vorm Bluescreen ihres Rechners saßen und sonst niemanden fanden, der ihnen zum Freundschaftspreis bei etwaigen IT-Problemchen helfen konnte. In den Achtziger Jahren war es jedenfalls ein ziemlicher Hürdenlauf, sich autodidaktisch Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen. Für mein Selbstwertgefühl war es in jenen Jahren umso zuträglicher, wenn man uns zumindest dahingehend Respekt entgegenbrachte: Wenn der Sprössling schon ein unehelich gezeugter Bastard war, der vom roten Kreuz eingekleidet wurde und dessen Tagesmahlzeit zu Glanzzeiten aus Kuchenspenden im Herz Jesu bestand, so war die wirtschaftliche Armut zumindest keine direkte Folge genetischer Disposition, sondern schlicht und ergreifend das Resultat ein paar verfrühter Verkehrsunfälle und Krebsdiagnosen. Für die Kleidung aus Second-Hand Shops musste man sich in dem Alter noch nicht rechtfertigen und auf die Frage nach Urlaubszielen oder Weihnachtsgeschenken lassen sich mit ein wenig Übung hervorragende Lügengeschichten erzählen.

O.G. mit Milchzähnen

oder: Wenigstens ist der Mundräuber kein Idiot!

Wurde ich Mal wieder dabei erwischt, wie ich mit grummelndem Magen die Rucksäcke und Lunchboxen der anderen Kinder um Nutellabrote und Milchschnitten erleichterte, während alle anderen brav im Speisesaal beisammen hockten und sich die Bäuche füllten mit Spaghetti Bolognese und anderen Köstlichkeiten, waren die Reaktionen der Betroffenen und damit auch das verhängte Strafmaß der Erzieherinnen eher milde. Rückblickend konnte ich mir als Kind ziemlich viel Mist erlauben, weil einerseits nichts anderes von mir erwartet wurde (die eigene Biographie lässt sich erschreckend zuverlässig anhand des Haushaltseinkommens der Eltern prognostizieren) und sich andererseits recht früh abzeichnete, dass wir zwar arm und relativ chancenlos waren, dieser Armut in absehbarer Zeit zu entrinnen, aber die für den menschlichen Genpool zuständige Instanz Gnade hatte walten lassen hinsichtlich meiner intellektuellen Befähigung. Mit fünf Jahren lesen zu können ist ein Garant dafür, zumindest nicht kategorisch von der Einladung zu den Kindergeburtstagen meiner Spielkameraden ausgenommen zu sein. So verstand ich recht früh, dass ich trotz zerfledderter Birkenstock Sandalen und viel zu großer Klamotten in bürgerlichen Kreisen willkommen war, solange diese mich als potentiellen Rainman betrachteten. So peinlich es mir als Kind auch war, von Freunden in unserer wirklich unterirdisch hässlichen Familienkutsche gesehen zu werden, so stolz machte mich die Tatsache, dass es sich dabei um ein Unikat handelte, das mein Vater aus einem Dutzend verschiedener ausrangierter Fahrzeuge in monatelanger Kleinarbeit zusammengeschweißt hatte, um meiner Mutter allen ökonomischen Widrigkeiten zum Trotz den Traum eines eigenen Autos zu erfüllen.Vielleicht spürte mein Vater intuitiv, dass unsere ohnehin fragile Familienbande schon bald abrupt enden würde. Vielleicht sind meine Erinnerungen mit fortschreitendem Alter aber auch nur weniger verschwommen. Jedenfalls kann ich mich ungewohnt klar an unsere letzten gemeinsamen Abende vorm flimmernden Monitor erinnern, deren elektrostatische Aufladung damals zu einem lustigen Kribbeln auf der Haut führte, rieb man mit bloßen Händen über den Monitor. Am darauf folgenden Tag kam ich nachmittags vom Kindergarten nach Hause in der freudigen Erwartung auf eine Runde Asteroids (mein damaliges Lieblingsspiel) und fand lediglich die staubfreien Umrisse des wuchtigen Monitors auf dem Buchenschreibtisch wieder, auf dem am Tag zuvor noch unser ganzer Familienstolz prangerte und der wohl zu schwer gewesen war, um auch ihn uns zu entreißen. Zusammen mit dem Motorrad meines Vaters war der Computer unser einziges Hab und Gut. Nachdem uns Vater Staat wegen nicht bezahlter Stromrechnungen und ähnlichen Schwerstvergehen die Grundlage unserer familiären Harmonie einfach weggepfändet hatte, ging es in Rekordzeit bergab.

So befremdlich es für Außenstehende auch klingen mag, aber für uns bedeutete die graue Rechenmaschine und die zugehörige Diskettensammlung mehr als nur ein Computer. Er war unsere Eintrittskarte für die großen Verheißungen der Zukunft. Nur wegen ihm konnte mein Vater – sollte er nicht wie so häufig auf Montage arbeiten – abends nach zwölf Stunden beschämend spartanisch entlohnter Drecksarbeit vorm Zubettgehen noch das Gefühl persönlichen Wachstums erfahren, indem er ein paar weitere Zeilen Code lernte. Wegen ihm kamen Freunde aus dem Kindergarten oder besser situierte Bekannte meiner Eltern überhaupt erst in unsere schäbige Wohngegend. Vorm Computer verschwammen die sozialen Unterschiede und man befand sich in einer Parallelwelt, die verständlichen Gesetzen folgte. Was vom Tag der Pfändung an übrig blieb, war eine chaotische und feindseelige Welt, in der ich keinen Platz für mich sah. Kein stundenlanges Defragmentieren von Festplatten mehr. Kein ohrenbetäubend lautes Diskettenrattern mehr mitten in der Nacht. Kein leuchtendes Standbye-Licht, das einem bei nächtlicher Dunkelheit den Weg durch den engen Zwischengang zum Bad wies, weil kein Lichtschalter vorhanden war. Das Martyrium der Computerlosigkeit dauerte fast zwei geschlagene Jahre, aber im Rückblick prägte mich jene quälend lange IP-Durststrecke dermaßen tief, dass ich mich glaube daran zu erinnern, beim Anblick meines ersten eigenen Computers, den mir mein Stiefvater schenken sollte, vor Freude in Tränen ausgebrochen zu sein, denn „Command & Conquer“ konnte ich bis zu dem Tag nur spielen, wenn ich bei Freunden zu Besuch war… Na, Interesse geweckt? Großartig. Nächste Woche erscheint Teil 2 der autobiographischen Reihe: „Mein Lebenslauf in Buchform. Für Personaler, die auf Facebook stalken.“

Teil 2: Jesus liebt mich (und dich nicht!)

Die erste Zeit im Jesusdorf

Nachdem meine Mutter und ich unseren Wohnsitz nach Furpach verlegten, stellte sich nach und nach eine gewisse Normalität ein. Weil ich fortan täglich mit dem Bus nach Neunkirchen zur Schule fuhr, fand ich schnell sozialen Anschluss und knüpfte in der fünften und sechsten Klasse Freundschaften, die bis heute bestehen. Wir zogen in eine 2 Zimmer Wohnung direkt gegenüber der katholischen Kirche, in der etliche meiner späteren Bekanntschaften als Messdiener fungierten oder sonstwie aktiv waren. Nachdem ich regelmäßig das Spektakel der Gottesmesse durch das Fenster vom Wohnzimmer aus beobachtete, entschloss ich mich eines Abends kurzerhand, der Kirche einen Besuch abzustatten um mit den anderen Jungs in Kontakt zu kommen. Weil meine Mutter alleinerziehend war, wurden wir von Anfang an von der Nachbarschaft als Abschaum betrachtet und nach Möglichkeit gemieden, wenn nicht gar beschimpft oder bespuckt. Man sollte nicht meinen, dass so etwas um die Jahrtausendwende noch Gang und Gebe war, aber in den Augen der christlichen Dorfgemeinschaft war meine Mutter eine Hexe und ich der aussätzige heidnische Bastard, dessen bloße Existenz den kleinen Jesus zum Weinen brachte. Es dauerte an besagtem Abend keine zehn Minuten, bis ein pflichtbewusster Gottesdiener zur hinteren Bankreihe eilte, auf der ich gerade stolz weil fehlerfrei das Vater Unser mitgesprochen hatte (Die toten Hosen waren zu der Zeit mit „Opium fürs Volk“ meine musikalischen Helden und das Intro der Platte das Vater Unser), als ich von der Seite gepackt und des Saals verwiesen wurde mit dem Hinweis, an diesem Ort nicht willkommen zu sein. Meine Verachtung gegenüber allem Kleinkarierten und der Dorfmentalität dieser scheinheiligen Bierzeltbrigade manifestierte sich im Anschluß an dieses Erlebnis ins Unermessliche. Während meine Mutter jeden Abend aufs Neue zur Nachtschicht ins Krankenhaus fuhr, um dort für einen Hungerlohn privatversicherten ******** den Hintern abzuwischen (die am Tag ihrer Entlassung verwundert waren, wenn ihnen für großzügige dreißig Euro Kaffeekassenspende nicht die gesamte Belegschaft ein Ständchen sang und die Füße küsste), blieben deren Frauen in der Regel den ganzen Tag zu Hause oder arbeiteten höchstens auf 400 Euro Basis alibihalber ein paar Stündchen im Monat irgendwo als Aushilfe.

 

Spiel nicht mit den Türkenkin… ääh… dem kleinen Scheißer ohne Vater!

Dieselben Hausfrauen – im Gegensatz zu meiner Mutter i.d.R. ohne Abitur und mit Abendgestaltung „Lindenstraße“ anstelle von Isabelle Allende – waren es auch, die ihren Kindern den Umgang mit mir untersagten. Jenes Umgangsverbot durchzusetzen, erforderte auch keine besonders große Anstrengung – in den Sommerferien fuhren meine Spielfreunde allesamt mit der Kirche nach Korsika in die Jesusfreizeit. Immerhin musste ich mir auf Rückfrage meiner Freunde hin die Blöße nicht geben, unsere prekäre finanzielle Situation als Grund für meine Nicht-Teilnahme anzuführen und konnte meinen Verbleib zuhause erklären mit dem Umstand, dass wir als heidnische Satanisten nunmal keinen Anspruch auf ein Ticket to Paradise hatten. Zu dieser Zeit wurde mir erst richtig bewusst, dass ich mir den Vergleich mit „normalen“ Kindern sparen konnte. Ganz gleich, wie sehr ich mich anstrengen würde, bessere schulische Leistungen zu erbringen – ich würde auch morgen und übermorgen noch nach Mitternacht das Haus verlassen und mit einem kaputten Rolli bis früh morgens durch die Straßen ziehen, um Prospekte und Zeitungen für das Lernstudio auszutragen, in dem meine Freunde regelmäßig Nachhilfestunden erhielten, während meine eigenen schulischen Leistungen durch den regelmäßigen Schlafentzug nicht unbedingt besser wurden. Zu jener Zeit geschah es immer häufiger, dass ich noch vor der ersten großen Pause mit dem Kopf auf der Bank einschlief – sehr zum Leiden meiner Mathe- und Physiknoten.

Skateboarding wird Mainstream

Der durch das Playstation Spiel „Tony Hawks Pro Skater“ initiierte Boom rund ums Rollbrett fahren („Skateboard“ zu sagen war Garant dafür, in der Szene schief angesehen zu werden) war im Rückblick ein wahrer Segen für mich. Für Vereinsmitgliedschaften reichte unser Geld nur insoweit, als dass ich einen Sport im Verein machen konnte. Ich entschied mich in der fünften Klasse für Jiu-Jitsu im Polizeisportverein und bereits dort stand ich regelmäßig vor der Frage, wie ich die Teilnahmegebühr für Trainingscamps und Co. bezahlen sollte. Umso erfreulicher war die Tatsache, dass man fürs Skateboarden abgesehen von Brett, Achsen und Rollen mit Kugellagern nichts weiter benötigte. Weil durch Fliptricks wie Kick- und Heelflip (letzterer übrigens mein erster „gestandener“ Trick neben Ollie und Shove-it) mein Verschleiß an Decks und Schuhwerk bald schwindelerregende Höhen annehmen sollte, musste ich allerdings recht bald kreativere Lösungen finden, um mein Lieblingshobby zu finanzieren. Meine Mutter erkannte mein Talent allerdings und versuchte mich so gut wie möglich zu unterstützen, indem sie noch mehr Überstunden im Krankenhaus abriss. Im Wagwiesental baute uns die Stadt Neunkirchen eine für damalige Verhältnisse prächtig ausgestattete Skateboardanlage und es formierte sich mit der „NK-SKATE-CREW“ eine aktive und lebendige Szene, deren Protagonisten es über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus zu einiger Berühmtheit brachten – so wurden wir regelmäßig in verschiedenen Magazinen und Videotapes gefeatured und verewigten unseren Crewnamen auch durch das ein oder andere Graffiti auf Wholecars und Wandfassaden.

Die Crew wächst – wir sind Macht!

Wieviel Mann unsere Crew umfasste, kann ich vierzehn Jahre später nicht mehr zuverlässig bestimmen, zumal praktisch im Wochenrhythmus neue Leute hinzukamen und alte verschwanden, weil ihre Eltern den Wohnort wechselten oder die Höhe eines Gaps falsch eingeschätzt wurde und die Bereitschaft, sich für gutes Videomaterial den Hals zu brechen, mit zunehmender Competitiveness ungeahnt gefährliche Höhen erreichte. Aber alleine der harte Kern bestand mit Sicherheit aus über dreißig Leuten, die sich wirklich jeden einzelnen Tag bereits früh morgens an der Minirampe zusammenfanden und bis spät Nachts mit Skateboarden verbrachten. Selbst tiefste Dunkelheit und strömender Regen waren für uns kein valider Grund, die Bretter zu Hause zu lassen. Skateboarding brachte Menschen aller Altersklassen, Religionen und sozialer Herkunft zusammen & das Gemeinschaftsgefühl schweißte unsere kleine Gemeinschaft fest zusammen. Dabei spielte mit Sicherheit auch das „Wir gegen den Rest der Welt“-Gefühl eine tragende Rolle, denn als Skateboarder waren wir Ordnungsamt, Polizei, Passanten und praktisch allen anderen Jugendkulturen ein Dorn im Auge. Fand in der Skateboard-Halle in Saarlois ein Contest statt, mussten wir den Weg zum Bahnhof im Anschluss fast jedes Mal rennen und solange es bergab ging, retteten zumindest mir die „Speed Demons“ Kugellager mehr als ein Mal das Leben vor den Baseballschlägern der ansässigen Neonazis, die in Saarlois zahlreich, organisiert und erschreckend gewaltbereit waren und häufig schwer alkoholisiert, bewaffnet und in Springerstiefeln vor der Halle auf uns warteten, sobald es dunkel wurde. So begannen einige von uns, sich in der dreistöckigen Skateboardhalle Verstecke zu suchen, sobald der bevorstehende Hallenschluss über die Lautsprecher angekündigt wurde. Die Erinnerung an jene Nächte, in denen wir mucksmäusschenstill zusammengekauert in irgendeiner dunklen Ecke darauf warteten, das Abschließen des Haupttores zu vernehmen, um die kommenden zwölf Stunden mit einer Hand voll Jungs die riesige Halle ganz für uns alleine zu haben, lässt mich fast schon melancholisch werden. Wie unbeschwert wir waren…

Zur medialen Emanzipation durch Mr. Knoxville

Jedenfalls verhält es sich im Skateboarding ähnlich wie mit anderen Extremsportarten: Das Filmen und Fotografieren ist integraler Bestandteil der gesamten Kultur. Nachdem ich mit meinem damaligen besten Freund Simon und seinem Cousin Jannik die RSD-Crew gründete (RSD stand für „Rock, Skate, Destroy“), legten die Beiden ihre gesamten Ersparnisse zusammen und kauften unsere erste Videokamera. Fortan bestand unser Leben einzig und allein aus Skateboarding und Stunts. Letztere wurden zunehmend populär durch den Aufstieg des MTV-Formats „Jackass“, das an der Stelle hoffentlich keiner näheren Erläuterung mehr bedarf. Während Skateboarding an sich bereits ein verletzungsintensiver Sport ist, bewirkten die zusätzlichen Stunteinlagen ihr Übriges und fortan hatten wir crewübergreifend einen gefühlten Invalidenstand von 25%. Irgendwer landete immer im Krankenhaus und es gibt kaum ein Gruppenfoto, auf dem nicht mindestens einer von uns im Rollstuhl sitzt, Halskrause trägt oder sich gerade den Gipsarm taggen lässt – es war eine großartige Zeit! Um Berühmtheit und Ansehen in der Szene zu erlangen, überschritten wir nach und nach alle möglichen Grenzen & kamen auch recht bald mit diversen Strafverfolgungsbehörden in Kontakt. „Skateboarding is not a crime“ war nicht umsonst Leitspruch der US-Szene und auch wenn Ordnungsämter und Polizeibehörden zumindest in der Anfangszeit nicht ganz so rigoros gegen uns vorgingen wie in den Staaten, saß man insbesondere als Pool-Skater meist mit einem Bein in Untersuchungshaft. Im Gegensatz zu den älteren Semestern der Szene, von denen mindestens zwei Jungs für ein paar Wochen fürs Skateboarden in der JVA Lebach landeten, hatten wir mit unseren 14-15 Jahren quasi einen Freibrief fürs Scheiße bauen, weil man uns nach Feststellung der Personalien direkt wieder auf freien Fuß setzen musste. Und weil wir alle stramm auf die 16 zugingen und damit bald strafmündig sein würden, hatten wir keine Zeit zu verlieren, um vorher noch Videomaterial zu produzieren, das uns für alle Ewigkeit Berühmtheit verschaffen sollte.

Die ewige Suche nach grindbaren Curbs: „Spotted Saarland“ Mal anders…

Wir begannen also mit der Suche nach geeigneten Spots im ganzen Saarland und der Pfalz. Das damals von der Neunkircher Verkehrsgesellschaft ausgegebene 40 Euro teure „Schüler-Sommer-Ferien-Ticket“ ermöglichte uns über die gesamten Sommerferien hinweg ohne Einschränkung Bus und Bahn zu fahren und diesen Umstand nutzten wir natürlich so gut wie möglich aus. Ich erinnere mich daran, wie wir ohne vorheriges Ziel einfach von Zug zu Zug stiegen und fast jeden Tag neue Spots auf den riesigen faltbaren Karten markierten, die jeder Inhaber des Ferientickets von der Verkehrsgesellschaft bekam und die sogar an Tauschwert gewannen, wenn sie sauber markierte „geheime“ Spots enthielten. Und genau dieser Umstand brachte mich dazu, über eine Lösung zu sinnieren, wie man szeneintern „Spot gegen Spot“ tauschen konnte, um auch außerhalb der Sommerferien mit Leuten außerhalb von Neunkirchen und Umgebung in Kontakt zu bleiben. Innerhalb der NK-SKATE-CREW formierten sich mit steigender Mitgliederanzahl neben unserer Crew, der RSD, und weitere Sub-Gruppen wie den „Black Sheeps“, die wiederum über eigenes Equipment verfügten und im spielerischen Sinne als Konkurrenz betrachtet wurden. Jede Crew hatte eigene Symbole und Akronyme, die auf Rampen, Pipes oder einfach den Boden von Skateboardanlagen getaggt oder gesprüht wurden um sozusagen unser Revier zu markieren. Öffnete außerhalb unserer Basis in Neunkirchen irgendwo eine Anlage (wie beispielsweise in Wiebelskirchen, dessen Anlage im Hinterhof des Jugendzentrums als einziger Spot im Umkreis einen richtigen Pool hatte), war es enorm wichtig, möglichst schnell unsere Vormachtstellung zu betonen, indem wir uns nachts Sturmhauben überzogen und über die Zäune kletterten, um innerhalb des Landkreises RSD-Tags zu platzieren oder außerhalb die NK-SKATE-CREW zu repräsentieren. Wie man sich denken kann, entwickelten wir als halbstarke Hosenscheißer in den Augen unserer Erziehungsberechtigten gefährliche Ambitionen und es dauerte nicht lang, bis der erste gewaltsame Vorfall verzeichnet wurde, weil ein Skateboarder aus unserer Crew das Graffiti eines Basketballspielers übermalte. Neben Neonazis und uniformierten Ordnungshütern gehörten besondes ausländische „Jugendgangs“ zu jenen Kreisen, die uns regelmäßig das Leben schwer machten. Und weil in Neunkirchen vor allem Hooligans, Neonazis und Ausländer leb(t)en (zu jener Zeit hatten wir v.a. mit gewaltbereiten Roma ein riesiges Problem), von denen letztere für ihren Hang zu Messerstechereien berüchtigt waren, die u.a. den ersten Toten direkt vor der Parkschule mit sich brachten, in deren Sporthalle wir dreimal wöchentlich Jiu-Jitsu trainierten, nahm die Gewalt bald Ausmaße an, die mit harmlosen Raufereien, wie sie unter pubertrierenden Jugendlichen bis zu einem gewissen Grad normal sind, nichts mehr zu tun hatte. Die Basketballer hatten ihren Sportplatz genau gegenüber unserer Halfpipe und hörten im Gegensatz zu uns vor allem kommerziellen Hip-Hop – ein Umstand, den wir als Punkrocker nicht akzeptieren konnten. Zunächst spielte sich der Wettbewerb untereinander über die Lautstärkeregler der Boomboxen ab, deren Batterieverbrauch einen nicht zu unterschätzenden Kostenfaktor darstellten. Weil mit zunehmendem Alter der Bierdurst aber ebenfalls gestillt werden musste und erste Mitglieder bereits über eigene Autos verfügten, wurden diese kurzerhand direkt neben der Rampe geparkt und aus sperrangelweit geöffneten Türen Pennywise und Co. gepumpt. Es dauerte nicht lange, bis die ersten Schlachten untereinander ausbrachen. Was zunächst mit Tannenzapfen begann, artete bald schon in Massenschlägereien und Steinewerfen aus, bis der erste Idiot irgendwann eine Schusswaffe zückte. Jedenfalls stand die Szene Los Angeles und New York zumindest was das betrifft in Nichts nach, was ich unglaublich schade fand angesichts des enormen Potentials, das gerade das Saarland und angrenzende Teile Frankreichs zu Beginn des Hypes noch inne hatten.

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